Ausgezeichnet inszeniert und choreographiert, mit brillantem Dekor und dynamischster Kamera. Die Story ist recht banal, aber spannend. Verzichtet dankenswerterweise auf überflüssiges Spektakel. Überraschend lahm ist die Auffassungsgabe der Charaktere. Absicht oder nicht? Was wir beim Zuschauen schnell ahnen — dass der simulierende Protagonist selbst simuliert ist — wird ihm nur ganz allmählich klar, fast quälend langsam, obwohl ihm die Regie die Hinweise darauf säuberlich und klar nach und nach präsentiert.
Geradezu albern ist die Borniertheit fast aller übrigen Charaktere (abgesehen vom heldenhaften Gewerkschafter Walfang): Staatsminister, Stahllobbyist und vor allem der unsäglich bornierte Psychologe scheinen alle über ein Minimalrepertoire von Aussagen zu verfügen. Was unter anderen Umständen den Drehbuchautoren angelastet werden müsste, kann sich hier als bestechende Konsequenz aus der Anlage der kleinen Spielwelt als elektronische Simulation erschließen lassen. Und doch macht es mir Unbehagen, wenn diese Figuren so ganz ohne Rückgrat, die Frauen als aufgetakelte Püppchen, die Herren als Nachrichtensprecherpersiflagen, auf Schienen durch den scheußlich prätentiös eingerichteten Versuchsaufbau eiern. Keine Menschlichkeit, nur Typen: der verrückte Professor, der blasiert-intellektuelle Journalist, der latent aggressive, schnodderige Held, die großbusigen Sekretärinnen, die kumpelhaften Kollegen Lause und Walfang, der dauergrinsende Institutschef, der kleine Staatsbamte, der technokratische Stahl-Lobbyist, der unbeholfen plappernde, fahrige Psychologe. Sie alle spielen ihre Rolle immer vorhrsehbar. Das nervt.
Aufgefallen ist mir, dass es keine Herzlichkeit gibt, abgesehen von der Schlussszene, als die beiden nun "realen" Figuren Eva und Stiller auf dem Boden kugeln. Stattdessen Dialogfetzen, die auf der Beziehungsebene alles oder nichts bedeuten können, albern und unbeholfen wirkende James-Bond- bzw. Femme-Fatale-Gesten; das einzig Substanzielle während der Gespräche ist der Whiskey, der vertilgt wird, wenn wieder einmal die Floskeln erschöpft sind, also ständig. Sie geben sich nicht einmal die Hand, fläzen sich bloß in zu großen Sesseln oder rennen aufgebracht kreuz und quer durch die Räume. Nähe nur, wenn der Held mal wieder jemanden am Kragen packt. Die Männer: entweder hirnlos floskelnde Rundfunkgesichter im Anzug (erinnern an Loriots treffende Karikaturen) oder saufende Machos mit schnellen Autos. Die Frauen: geheimnisvolle Femmes Fatales, die sich als Projektion entpuppen, und großbusige Kühe namens Gloria. Die Probleme: eindimensional, ob es der Konflikt zwischen kommerzieller und staatlicher Forschung ist oder die Simuliertheit der Welt. Vielleicht waren die 70er so? So eindimensional, so sexistisch, so unfähig zu Emotionen, so durchtypisiert? Vielleicht waren die Ambivalenz und der Relativismus, die die Postmoderne in den Diskurs gebracht haben, Antworten auf die gängigen Verkürzungen? Das kann ich nicht beurteilen, es bleibt als Frage offen neben der, wie damals die Konventionen des menschlichen Umgangs miteinander gewesen sind.
2012-04-08
2012-03-07
2012-02-17
2011-09-29
2011-09-02
zu «Trois Couleurs»
kleine FilmkritikDrei Filme, die am Ende zusammenfinden. Kieslowski ist ein verspielter Weltenlenker der Beziehungen, der zufälligen Treffen und des Schicksals. Aus den Augen einer von Fenster zu Fenster schwebenden Kamera lenkt er seine Figuren mit sichtlichem Spaß von einer Unmöglichkeit zur nächsten, ohne dabei aber je die konkrete Menschlichkeit der Figuren aus dem Blick zu verlieren. Das Panorama, das er so entfaltet, ist kugelförmig wie ein Planetarium; im Zentrum steht, quasi als Sonne, die Frage, wie sich die Menschen zueinander verhalten. Allen Bewegungen dient sie als Antrieb. Sie umkreisend: die junge Witwe, der einsame Komponist, der gewitzte Pole, das sensible Fotomodell, der zynische Ex-Richter. Kleinere Fixpunkte: das Gericht, das Auto, die Wohnungstür, der Glascontainer, und schließlich die Fähre.
Aufgabe von Film: Raum sein für authentische Empfindung
Außerdem natürlich Beachtung des Mediums (analog zu Fotogénie). Die Ausstattung des Raums im Film muss eigenständig sein, um authentische, also nicht vorproduzierte Empfindungen zu ermöglichen. Das heißt, dass Überlagerung mit Echtbildern verhindert werden muss. Echtbilder kommen dann auf, wenn Miene, Geste, Kostüm oder Kulisse zu "heutig" ist. Ähnlich problematisch sind Referenzbilder, die z.B. innerhalb von Genres existieren und durch bestimmte Schlüssel assoziiert werden.
Was folgt, wenn es keine oder kaum Überlagerungs-Bilder gibt? Das Gezeigte wird "an sich" wahrgenommen. Es kann nicht verglichen und eingeordnet werden. Wir können als Zuschauende damit umgehen oder das zurückweisen. Filme sind aber meistens stark, sodass pure Indifferenz ihnen gegenüber nur wenigen Abgebrühten gelingt. Also müssen wir uns auf das Gezeigte einlassen, ähnlich wie wir uns auf Tanzveranstaltungen auf den Rhytmus einlassen: mit unserem ganzen Leib.
Was folgt, wenn es keine oder kaum Überlagerungs-Bilder gibt? Das Gezeigte wird "an sich" wahrgenommen. Es kann nicht verglichen und eingeordnet werden. Wir können als Zuschauende damit umgehen oder das zurückweisen. Filme sind aber meistens stark, sodass pure Indifferenz ihnen gegenüber nur wenigen Abgebrühten gelingt. Also müssen wir uns auf das Gezeigte einlassen, ähnlich wie wir uns auf Tanzveranstaltungen auf den Rhytmus einlassen: mit unserem ganzen Leib.
Drei Architekten (1)
Zur Frage, was uns ins "schöne Leben" treibt, und was uns davon abhält.Der Bewegungsfilm "Drei Architekten" zeigt eine Suche nach dem schönen Leben. Drei Erlebnisse schaffen Bewusstsein für die Voraussetzungen: in der Metropole mangelt es an Perspektive, in der Kommune mangelt es an Reflexion, daher an Bewusstsein für Machtverhältnisse. Und dem Eremiten, der sich all dessen bewusst ist, fehlt schlicht der Optimismus, der bedingungslose Glaube an positive Veränderung, der ihn aus seiner Isolation reißen könnte.
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